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Thomas Manns Nachlassbibliothek im Thomas-Mann-Archiv der ETH-Bibliothek Zürich umfasst ca. 4.300 Exemplare, darunter Bücher, Zeitschriften, Zeitungsartikel und Typoskripte. Sie enthält Werke des Schriftstellers in deutscher Sprache und in Übersetzung, Sekundärliteratur zu Leben und Werk Thomas Manns, Werke fremder Autorinnen und Autoren, Wörterbücher und Enzyklopädien. Das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1682, das jüngste Werk ist 1962 erschienen.
Aufgrund ihrer wechselvollen Geschichte zu seinen Lebzeiten enthält die Nachlassbibliothek weder alle Bücher, die Thomas Mann je besessen hat, noch alle, die er gelesen hat. Die Enteignung durch das nationalsozialistische Regime, das Exil der Familie Mann, die vielen Umzüge und Aussortierungen von Büchern und Zeitschriften haben den Bestand vor 1955 dezimiert. Viele Exemplare hat Thomas Mann verschenkt oder verkauft, sie sind heute Teil von privaten oder öffentlichen Sammlungen, manche gingen verloren. Was heute das Korpus der Nachlassbibliothek bildet, sind zum grössten Teil die Exemplare, die nach dem Tod Thomas Manns von seinen Erben als Bibliothek des Schriftstellers dem Thomas-Mann-Archiv überreicht wurden.
Das Besondere der Nachlassbibliothek ist also, dass sie den Gesamtbestand von Thomas Manns Bibliothek an seinem letzten Wohnort Kilchberg abbildet. Bis heute verändert sich der Bestand allerdings, zum Beispiel durch Restitutionsverfahren, Zugang von Büchern, die bis zu Golo Manns Tod noch in dessen Besitz verblieben waren, oder durch den Ankauf von Büchern, die dem Autor einmal gehört haben. Die Nachlassbibliothek besteht somit aus den Exemplaren, die Thomas Mann zum Zeitpunkt seines Todes besessen hat, und weiteren Exemplaren, die von der Nachlassgemeinschaft als der Bibliothek zugehörig definiert wurden.
Dank der guten Überlieferungssituation erlaubt die Bibliothek einen Einblick in die von Thomas Mann wahrgenommene, gelesene und als Quelle für seine Texte genutzte Literatur. Viele der Exemplare enthalten Stiftspuren von der Hand Thomas Manns und von Dritten, darüber hinaus Widmungen, Einlagen und andere Gebrauchsspuren.

Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten und vom Thomas-Mann-Archiv, der ETH-Bibliothek und der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft umgesetzten Kooperationsprojekts wurden diese Spuren digitalisiert, erschlossen und, im Fall der schriftlichen Stiftspuren von Thomas Manns Hand, transkribiert. Die Datenbank zu Thomas Manns Nachlassbibliothek macht die Phänomene sichtbar und anhand von eigens am Material entwickelten Erschliessungskategorien durchsuchbar. Von besonderer Bedeutung sind diejenigen Stiftspuren, die Thomas Mann hinterlassen hat und die es ermöglichen, seine Lektüren und oft sogar den Schreibprozess nachzuvollziehen.

Weiterführende Literatur:
Gabriele Hollender/Marc von Moos/Thomas Sprecher: Die Bestände. In: Thomas Sprecher (Hg.): Im Geiste der Genauigkeit. Das Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich 1956–2006. Frankfurt am Main 2006, S. 331–366.

Anke Jaspers: Onkel Tommys Hütte. Erinnerungen von Klaus Hubert Pringsheim an Pacific Palisades. In: Zeitschrift für Ideengeschichte XII (2018), 3, S. 120–127.